Kinder haben das Recht auf den heutigen Tag, wie Janusz Korczak formulierte. Wir wissen nicht, wie ihr Leben, wie unser aller Zukunft in zehn oder fünfzehn Jahren aussehen wird, und schon deshalb haben wir nicht das Recht, ihr aktuelles Leben völlig dieser Zukunft zu opfern. Vielleicht ist das ein wichtiges Merkmal dieser Schule hier: Dass sie akzeptiert, wie Kinder jetzt sind, welche Bedürfnisse sie heute haben.
(Andrea Teupke, Mutter und Mitgründerin von Schilljuki)
 
Seit den Herbstferien 2004 geht unsere Tochter in die Aktive Schule Frankfurt. Vorher besuchte sie die 2. Klasse der Regelgrundschule. Seitdem werden wir immer wieder gefragt, warum wir uns zu dem Wechsel entschlossen haben und wie es uns gefällt.

Was ist eine Aktive Schule?
Das ist gar nicht einfach zu beschreiben, schließlich ist hier so ziemlich alles anders als in anderen Schulen: Es gibt keine Tafel, keine schweren Ranzen, keine Hausaufgaben, keinen Stundenplan, keine Tests, keine Noten und keine Zeugnisse - tatsächlich gibt es nicht einmal verbindlichen Unterricht. Die Kinder entscheiden selbst, womit sie sich beschäftigen wollen, mit wem und wie lange.

Lernen die denn da überhaupt etwas?
Natürlich, sie lernen ununterbrochen - aber eben nicht durch zuhören, sondern indem sie selbständig etwas tun. Deshalb heißt es auch Aktive Schule: Weil die Kinder aktiv sind!

Was machen die dann den ganzen Tag?
Das ist ganz unterschiedlich. Grundsätzlich trudeln sie zwischen acht und neun Uhr ein, werden freundlich begrüßt von den drei Erwachsenen, die zur Zeit in der Aktiven Schule arbeiten, und suchen sich dann irgendeine Tätigkeit. Zum Beispiel hat Pauline in den vergangenen drei Wochen ein Holzschiff geschreinert, eine kleine Tasche genäht und bestickt, bis Tausend gezählt, einen Brief an ihre ehemalige Lehrerin verfasst, eine Kette und einen Ring aus Perlen und Draht gebastelt, ein Gedicht auswendig gelernt, mit den anderen Kindern gespielt, ein Haus für ihre Puppe gebaut, sich verkleidet, Fußball gespielt, mit einer Balkenwaage verschiedene Gegenstände ausgewogen, ein anatomisches Modell vom Menschen zerlegt und wieder zusammengesetzt, auf dem Globus Ecuador und Italien gesucht - und das sind nur die Aktivitäten, von denen sie uns erzählt hat.

Und wenn ein Kind gar nichts tun will?
Dann tut es erst mal gar nichts. Vielleicht will es ja lieber den anderen zuschauen oder sich ausruhen oder muss sich erst überlegen, wozu es richtig Lust hat. Wenn sich ein Kind aber dauerhaft für gar nichts interessieren sollte, würden sich wohl die Lernbegleiterinnen überlegen, woran das liegt und was sie ihm für Angebote machen könnten.
Bisher ist das aber, glaube ich, nicht vorgekommen. Schließlich gibt es in den Räumen wirklich viel zu entdecken: Montessorimaterialien zum rechnen, lesen und schreiben, Bücher, Malsachen, eine Verkleidungskiste, eine Schreibmaschine, Stempel, eine Nähmaschine, eine Werkbank, Schminksachen und noch vieles andere.

Trotzdem: habt Ihr keine Angst, dass die Kinder dort zu wenig lernen?
Natürlich kennen wir diese Angst - schließlich sind wir selbst auf normale Schulen gegangen und sind es deshalb auch gewohnt, dass Lernen mit Zwang und Druck verbunden ist. Andererseits sehen wir aber, wie viel unsere Kinder jeden Tag auch ohne Unterricht lernen: Wir mussten ihnen weder laufen noch sprechen beibringen. Fahrradfahren, zählen, Bilder malen, erste Buchstaben schreiben, ein bisschen rechnen, sich im eigenen Stadtteil zurechtfinden, Lieder singen, Reime verfassen - das haben sie alles mehr oder weniger von alleine gelernt. Weil sie es wollten, weil es sie interessiert hat, oder weil sie gesehen haben, dass wir das können. Warum sollten sie nicht irgendwann auch Rechtschreibung oder Englisch lernen wollen?

Aber man muss doch auch Sachen lernen, die man nicht interessant findet!
Das ist eben die Frage! Ehrlich gesagt habe ich von den Sachen, die ich in der Schule lernen musste, obwohl ich sie uninteressant fand, so ziemlich alles wieder vergessen - meistens schon kurz nach der Klausur. Und als ich mit der Schule fertig war, hatte ich keine Ahnung, was ich will und wer ich selbst eigentlich bin. Dabei wäre das doch das Allerwichtigste! Ich glaube, dass Kinder in einer freien Umgebung viel bessere Chancen haben, herauszufinden, was sie wirklich gerne und mit Leidenschaft tun - und nur was man gerne macht, macht man auch gut.

Aber werden die Kinder nicht hemmungslose Egoisten, wenn sie immer machen können was sie wollen?
Freiheit heißt nicht Grenzenlosigkeit - in der Aktiven Schule gibt es ganz klare Regeln. Man darf andere nicht schlagen oder beleidigen, keine Sachen kaputtmachen, nicht herumschreien, nicht stören, muss alles, was man benutzt hat, wieder wegräumen usw... Tatsächlich ist es sogar eine der wichtigsten Aufgaben der Erwachsenen, dafür zu sorgen, dass diese Regeln eingehalten werden, damit die Umgebung entspannt bleibt. Denn nur ein Kind, das sich wohl fühlt, kann optimal lernen. Pauline ist übrigens als erstes aufgefallen, dass die Kinder in der Aktiven Schule viel leiser sind.

Und wie geht es Eurer Tochter jetzt?
Sie geht sehr gerne in die neue Schule, obwohl sie ihre alte Klasse natürlich immer noch vermisst. Wenn ich sie abhole, sprüht sie vor Energie und zeigt mir begeistert, was sie alles gemacht hat. Und wir sind beide froh, dass uns jetzt der Kampf mit den Hausaufgaben erspart bleibt.

Nun ist die Aktive Schule Frankfurt noch recht jung. Gibt es denn woanders schon Erfahrungen mit einem solchen Konzept?
Ja, zum Glück! In den letzten Jahren sind in Deutschland einige Aktive Schulen gegründet worden, die alle mehr oder weniger auf den Überlegungen von Maria Montessori basieren. Das ganz große Vorbild all dieser Schulen ist der Pesta, eine Schule in Ecuador, die vor dreißig Jahren von Mauricio und Rebeca Wild gegründet wurde. Wer wissen will, wie eine Traumschule aussieht, muss unbedingt das Buch "Lebensqualität für Kinder und andere Menschen" (Rebeca Wild, Beltz-Verlag) lesen!

November 2004